Von Veränderungen und Mut

Content Notes: Queerfeindlichkeit (Trans*-Feindlichkeit, A*spec-Feindlichkeit), Gatekeeping, Exklusionismus, Fremdlabeln

Eigentlich habe ich Angst vor Veränderungen.
Eine neue Chance kann für mich auch eine große Herausforderung sein. Wenn etwas anders wird als vorher, kostet es Energie sich daran zu gewöhnen und es besteht das Risiko, dass die Situation schlechter wird als vorher. Ein neues Umfeld reagiert vielleicht mit Ablehnung auf mein Coming Out. Ein neuer Job garantiert mir nicht, dass ich wieder in einem guten Team lande. Auch wenn ich jeden der Transitionsschritte, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, wieder gehen würde, waren sie doch alle mit Furcht und Überwindung verbunden. Und ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich keine Angst vor den Schritten hätte, die noch vor mir liegen. Auch wenn ich sie mir gleichzeitig sehr wünsche und daher bei meiner Entscheidung bleiben werde, sie trotzdem zu gehen.
Da ist zum einen die Angst vor Ablehnung und den Herausforderungen, die ich dabei sehe. Von meiner Herkunftsfamilie kann ich mir keine Unterstützung erwarten, was Transition oder meine queere Beziehungsgestaltung betrifft und auch meine Entscheidung eine Hormonersatztherapie anzufangen, wird nicht von allen gut aufgenommen. Bei Freund*innen und Kolleg*innen sieht die Sache anders aus, aber trotzdem bleibt das Wissen um die Schwierigkeiten und die Angst vor heftigerer Queerfeindlichkeit. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Die Sorge bestimmte Dinge zu verlieren, oder zu sehr in den Sog sozialer Erwartungen gezogen zu werden, die ich eigentlich hinterfragen und mit denen ich brechen möchte. Ich versuche, mich bewusst damit auseinanderzusetzen und trotzdem macht es mir Angst, vielleicht keine guten Antworten darauf zu finden und zu versagen.
Eine wesentliche Rolle spielt aber auch das Wissen, dass Dinge anders werden, wenn ich weitergehe. Ja, eigentlich schon allein dadurch, dass ich weiterlebe und mich weigere, einfach an dem Punkt stehen zu bleiben, an dem ich gerade bin. Weil ich Entscheidungen treffe und mich als trans*, aro oder mit einem anderen Label oute. Oder immer dann, wenn ich darüber nachdenke, wie ich als polyaffectionate aromantische und grausexuelle Person meine zwischenmenschlichen Beziehungen gestalten möchte, mit Menschen darüber spreche und vieles mehr.
Mein Leben bewusst zu führen und zu gestalten, bedeutet für mich auch, mich meiner Angst zu stellen und mich auf Veränderungen einzulassen. Das bedeutet manchmal mit den Vorstellungen anderer Menschen und gesellschaftlichen Normen zu brechen. Gleichzeitig heißt es oft aber auch, das Bild, das ich von mir selbst habe, zu hinterfragen und mich auf Veränderungen einzulassen, die in mir passieren.

Auch das erfordert immer wieder eine Menge Mut.
Bevor ich begonnen habe, mich immer wieder zu überwinden, um mich bei meinen Freund*innen und Arbeitskolleg*innen als trans* zu outen, sie zu bitten, andere Pronomen für mich zu verwenden und dann weitere Transitionsschritte zu gehen, musste ich selbst erst an den Punkt kommen, an dem das für mich machbar und auch irgendwie notwendig war. Der Moment, in dem ich diese Entscheidungen treffen und danach handeln konnte, war einer, an dem meine Dysphorie, der Wunsch nach der Veränderung und die Vorstellung, wie es anders sein könnte, stärker waren als die Angst davor. Da waren viele Gefühle, Bilder und Vorstellungen, die ich bewusst zulassen oder loslassen musste. Neue Pronomen, ein bewusstes Mich-Einlassen auf Ungewissheit und Ehrlichkeit mir gegenüber, was sich gut oder schlecht anfühlt, was ich mir wünsche und wie meine Geschlechtsidentität oder auch mein Umgang mit dieser sich über die Zeit verändert haben.

Mein letztes Update zu Veränderungen meiner Label hier auf dem Blog ist noch gar nicht so lange her, aber auch in Sachen sexuelle Orientierung hat sich bei mir in den letzten Jahren ja auch etwas verschoben. Die Begutachtung der Label M*spec und dann Bi+ lief langsam und vorsichtig ab. Aber nach meinem Smush (starke sexuelle Anziehung zu einer Person, sexueller Crush) bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich durchaus sexuelle Anziehung zu mehreren Geschlechtern empfinden kann. Langsam habe ich mich darauf eingelassen, dass ich wohl bi-grausexuell bin, auch wenn ich es immer noch schwierig finde, das im Alltag auszusprechen. Unter anderem weil ich oft nicht die Kraft habe, diese Veränderung zu erklären oder zu rechtfertigen.
Darüber hinaus habe ich auch zu den Mikrolabeln Acespike und Aceflux einen anderen Zugang gefunden. Ich fühle mich ihnen inzwischen um einiges näher als noch vor drei Jahren und verwende sie zumindest für mich selbst und manchmal in der Kommunikation mit anderen A*specs.  

Ich habe auch mehr darüber gelernt, wie ich mein Leben und meine Beziehungen gestalten möchte. Dabei geht es nicht nur darum, dass ich mich jetzt als polyaffectionate bezeichne und gerne freund*innenschaftszentriert leben möchte. Auch meine inzwischen mehrere Jahre andauernde queerplatonische Beziehung hat dazu geführt, dass ich mich mit verschiedenen Veränderungen habe auseinandersetzen müssen. Manche davon betrafen meine Sexualität. Aber auch die Gestaltung der Beziehung und Romance-Aversion war und ist hier Thema. Ich fühle mich von manchen romantisch konnotierten Handlungen und Aspekten romantischer Paarbeziehungen abgestoßen. Und auch wenn ich mit einer queerplatonischen Partner*innenschaft bewusst eine alternative Beziehungsform gewählt habe und nicht-monogam bin, ist es doch so, dass wir Menschen dazu neigen, beispielsweise aus Gewohnheit immer wieder normative Vorstellungen und Bilder in unseren Nahbeziehungen zu reproduzieren. Es kostet Aufmerksamkeit und Kraft, verschiedene Punkte zu besprechen und mitunter gegenzusteuern, wenn es einem auffällt. Ich muss selbst wissen, was ich möchte und was nicht. Verstehen, was ich fühle und die Worte finden, um Probleme überhaupt einmal zu beschreiben. Es kostet aber auch Mut, mich alleine für mich und gemeinsam mit anderen auf Veränderungen einzulassen. Auf Wünsche, die in mir aufkommen,  Dinge die ich möchte oder auch zuzulassen, dass ich etwas unangenehm finde oder nicht möchte. Besonders dort, wo meine Beziehungsvorstellungen (egal ob in Partner*innenschaften, Freund*innenschaften oder anderen zwischenmenschlichen Verbindungen) von gesellschaftlichen Normen abweichen, kostet es Mut, mir das einzugestehen und dann Schritte zu gehen, sie gemeinsam mit anderen mehr und mehr in die Realität umzusetzen.

Und obwohl meine Aromantik selbst in meinem bisherigen Leben und damit auch in den letzten Jahren weitgehend unverändert geblieben ist, wurde sie doch von anderen Veränderungen beeinflusst. Die größte Herausforderung hier war und ist meine Auseinandersetzung mit dem Label Alloaro. Irgendwo zwischen Ace*specs, die mir sagen, dass ich mich doch als Aroace bezeichnen soll, weil meine Grayace-Identität, meine sexuelle Anziehung und sexuelle Aktivität mich ja noch nicht allosexuell machen und Alloaros, die Grayaces nicht in ihrer Community haben möchten, stellt sich mir immer wieder die Frage, ob ich diesen Begriff jetzt für mich verwenden möchte oder nicht. Natürlich gibt es in beiden Communitys auch viele Leute, die nicht exklusionistisch unterwegs sind, aber in Anbetracht der schwierigen Situationen frage ich mich trotzdem immer wieder, ob ich ein Label aufgeben muss, um das andere verwenden zu können. Dabei ist es ja durchaus möglich, dass meine sexuelle Orientierung sich in Zukunft noch einmal dauerhaft verändert oder ich sie schlichtweg anders beschreibe. Aber auch wenn mich eine alloromantisch-allosexuelle Freundin Anfang Sommer in einem Gespräch über Sexualität gefragt hat, ob ich mich dann überhaupt noch auf dem asexuellen Spektrum verorte, bin ich momentan noch eher näher an den Begriffen Acespike und Aceflux, um mich zu beschreiben. Ich kann auch nicht sagen, welchen Einfluss meine Transition auf das alles haben wird. Mein bisheriger Gender-Journey hatte vermutlich eine Wirkung darauf, dass ich sexuelle Anziehung gegenüber Männern wirklich zulassen kann und ich werde mich nicht vor weiteren Veränderungen verschließen, auch wenn es, wie ich mich kenne, sicher eine Weile dauern wird, eine solche Veränderung anzunehmen. Unabhängig davon empfinde und verstehe ich mein Erleben im Moment als Grayace und ich möchte das Label nicht aufgeben müssen, um mit einem anderen akzeptiert zu werden, unabhängig davon, was in Zukunft vielleicht passiert.

Auch wenn ich mit dem Begriff Teilzeit-Alloaro in dieser Sache einen Weg gefunden habe, mein Erleben für mich vorerst akkurat zu beschreiben, muss ich mich doch weiter an dem Label abarbeiten, mit den unangenehmen Reaktionen aus meinen eigenen Communitys umgehen und mich auf die Veränderungen einlassen, die dieses Thema beeinflussen.
Dass die Reaktionen anderer Menschen mir das nicht immer einfacher macht, führt mich zu einer weiteren Veränderung, die ich mir wünsche. Wenn ich überlege, was ich mir von queeren Communitys erhoffe, stelle ich mir vor, dass wir in Zukunft Label immer mehr als vielfältig verstehen und weniger das Bedürfnis haben, sie zu verteidigen oder zu gatekeepen. Eine in der Label oder die Entscheidung, bestimmte Begriffe zu verwenden, in anderen Menschen nicht die Angst auslöst, dass irgendetwas von allo Personen missverstanden werden könnte, oder die Selbstidentifikation der Community schadet. Ich wünsche mir queere Communitys, die mich dabei unterstützen, mich auf die Veränderungen in meinem Erleben oder meiner Selbstwahrnehmung einzulassen und Menschen, die mich begleiten, während ich lerne, sie zu kommunizieren. Communitys, die meine schon vorhandenen Angst vor Veränderung nicht noch verstärken, weil ich jeden Schritt und jedes veränderte Label rechtfertigen muss. In der ich mich nicht alleine verteidigen muss, wenn irgendjemand auf die Idee kommt, dass ich entweder nicht allosexuell genug für ein Label bin und gleichzeitig wohl zu wenig allosexuell, dass es verständlich wäre, mich nicht als Aroace bezeichnen zu wollen. Ich möchte nicht erklären müssen, dass der Grund dafür nicht internalisierte Queerfeindlichkeit ist und ich anderen Menschen, die vielleicht meinen ähnliche Erfahrungen anders beschreiben, damit nicht ihre Identität abspreche. Ich möchte mich auf die Veränderungen in mir einlassen können, egal ob das heißt, dass sich tatsächlich etwas verändert oder ob ich Dinge anders einordne und neue Begriffe finde. Und ich selbst möchte andere unterstützen, wenn sie sich selbst besser kennenlernen oder sich mit Veränderungen bei sich selbst auseinandersetzen.
Wir könnten dann gemeinsam lernen, wie mutig wir sind.
Und vielleicht gelingt es uns dann irgendwann auch, uns nicht nur auf diese Veränderungen einzulassen, sondern sie auch gemeinsam zu feiern.

~ Finn (er/ihm)