Veränderlich und flimmernd

Inhaltshinweise: Queerfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, Cis-Hetero-Normativität, problematische Männlichkeitsbilder, Biologismus / biologischer Essentialismus

Ich weiß nicht mehr sicher, welche Worte genau verwendet wurden, aber nachdem ich Mitte Juni mein Finn Aro-Update veröffentlicht habe, hat eine befreundete Person gefragt, ob ich keine Angst habe, so offen damit zu sein. In dem Moment als die Frage kam, habe ich nicht wirklich darüber nachgedacht. Natürlich weiß ich, dass ich mit dem Beitrag einige sehr persönliche Dinge geteilt und öffentlich gemacht habe. Immerhin habe ich nicht nur über meine Verortung auf dem aromantischen Spektrum, sondern auch über meine Transition und meine bevorzugten Beziehungsstrukturen geschrieben. Ich habe offengelegt, wie sich meine sexuelle Orientierung in den letzten Jahren verändert hat, unabhängig davon, dass ich selbst manchmal noch nicht so richtig weiß, was das jetzt genau für mich bedeutet, wie ich damit umgehen soll und nach wie vor unsicher bin, alte Labels hinter mir zu lassen und neue zu verwenden.
Und obwohl es mich einiges an Mut gekostet hat (und immer noch kostet) dort zu stehen, wo ich heute bin, habe ich an dem Tag, als ich den Beitrag geschrieben habe, nicht so richtig darüber nachgedacht, was diese Offenheit eigentlich bedeuten könnte.

Anders gestern als ich die Wohnung verlassen habe. Der Fakt, dass ich mir am Morgen ein queeres T-Shirt mit Regenbogenflagge angezogen habe, hat mich einen Moment innehalten lassen und mich mit meiner Angst konfrontiert. Gut, ich werde so oder so oft genug als queer eingelesen und kategorisiert, selbst wenn ich keine offensichtlichen Erkennungsmerkmale trage, aber ich erinnere mich zu gut an einen Tag, an dem ich nach dem CSD auf dem Heimweg von drei jüngeren Männern angerempelt und unter anderem als „hässlich“ beschimpft worden bin. Dass die drei die Aro-Flagge oder die nicht-binäre Flagge, die ich zu diesem Zeitpunkt noch getragen habe, erkannt haben, wage ich zu bezweifeln. Trotzdem war ich durch die Flaggen und Gehrichtung wohl klar als eine Person zu erkennen, die von der Vienna Pride zurückkommt. Im Rückblick bin ich froh, dass ich schnell genug war, ihnen daraufhin mitzuteilen, dass ich ihnen gar nicht gefallen möchte und überhaupt in der Lage war zu reagieren. Dazu kam, dass ich glücklicherweise nicht alleine unterwegs war, auch wenn der Freund, der bei mir war, danach rasch die Prideflag in seinem Rucksack hat verschwinden lassen. Beängstigend war das alles trotzdem und die Überlegung, ob es sicher für mich ist, diesmal alleine mit einer deutlich erkennbaren Regenbogenflagge am T-Shirt unterwegs zu sein, ist sicher eine Folge aus dieser und einigen anderen Situationen. Auch wenn ich zum Glück nicht so viele davon erlebt habe.
Am Ende habe ich mich entschieden, das T-Shirt anzubehalten. Trotzdem merke ich daran, dass Offenheit ihre Folgen hat, selbst wenn es eine andere Form von Konsequenz ist, die mich beschäftigt, wenn ich mit queerem Shirt auf der Straße unterwegs bin, als wenn ich einen Blogbeitrag darüber verfasse, was sich in den letzten Jahren bei mir verändert hat.

Was den Blogbeitrag angeht, besteht meine größte Unsicherheit darin, dass ich überhaupt auf diese Art über Veränderungen spreche. Bei manchen Dingen kann ich immerhin noch sagen, dass sie vorher schon da waren und ich jetzt einfach mehr Klarheit oder ein besseres Wort für meine Erfahrungen gefunden habe. Andere haben sich einfach verändert. Und das stößt sich an der Art und Weise, wie wir queere Orientierung oder Geschlechtsidentität oft als feststehend und unveränderlich konzeptualisieren. Manchmal ist das vielleicht eine Reaktion auf den Vorwurf, dass von gesellschaftlichen Normen abweichendes Erleben doch nur eine Phase wäre. Das Argument, dass wir einfach queer geboren sind, unsere sexuelle und romantische Orientierung sowie Geschlechtsidentität unveränderlich wäre und es daher unfair wäre, jemanden für etwas zu bestrafen oder abzuwerten, für das er nichts kann, mag auf den ersten Blick tragfähig scheinen. Auch ich habe eine Weile gebraucht, um zu sehen, wo dieses Argument an seine Grenzen stößt. So funktioniert es nicht richtig, sobald es um Bisexualität geht und von konservativen Familienmitgliedern gefordert werden kann, dass eine Person sich dann doch bitte entscheiden soll, so zu daten, dass ihre Beziehung heterosexuell heteroromantisch aussieht. Noch weniger klappt es, wenn eine Person erst spät im Leben vielleicht nach einer glücklichen hetero Beziehung feststellt, dass sie sich in diesem Augenblick nicht mehr zum anderen binären sondern zu ihrem eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Oder wenn eine zuvor alloromantische Person feststellt, dass sie jetzt eine Ferne zum Konzept romantischer Liebe empfindet, sich nicht mehr verliebt oder nach einem bestimmten Punkt in ihrem Leben keinen Zugang mehr zu Romantik hat und nicht den Wunsch verspürt, etwas daran zu ändern. Sind glückliche Beziehungen, die davor geführt wurden, deshalb wertlos? Müssen wir alles, was davor war immer in Einklang mit unserer jetzigen Erfahrung bringen, um anderen und uns selbst ein zusammenhängendes Narrativ vorlegen zu können?
Selbst bei meiner sozialen und medizinischen Transition, bei der es irgendwie schon in der Natur der Sache ist, dass es ein langer Prozess ist, habe ich das Gefühl, dass mein Gegenüber oft einen Endpunkt haben möchte. Dass meine Entscheidung erst einmal eine Entscheidung für eine Hormonersatztherapie und nicht für einen Endpunkt oder ein klares Ziel war, ist da oft schwer zu verstehen. Ich mag mich auch mit der Wahl meiner Pronomen einer binären Position annähern, aber wie man im InSpektren-Podcast hören kann und viele Leute rund um mich herum mitbekommen haben, war es ein langes Ausprobieren und darum kämpfen, bis ich herausgefunden und entschieden habe, welche Pronomen sich für mich im Augenblick gut anfühlen. Dasselbe wird für jeden anderen Transitionsschritt gelten. Zumindest für mich bedeutet Transition, die Schritte zu gehen, die sich für mich stimmig und richtig anfühlen. Mag sein, dass meine Geschlechtsidentität sich mehr ins männliche Spektrum verschoben hat, als noch vor einigen Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass ich damit alle Erwartungen erfüllen werde und ich möchte mich auch nicht darauf festlegen, dass das immer so bleibt. Kurz gesagt: Selbst wenn ich mir manche Dinge wünsche, die auf den ersten Blick der Vorstellung entsprechen, die wir gesellschaftlich von einem trans* Mann haben, muss ich mich nicht jetzt darauf festlegen, dass meine Transition genau dort hinführt und mich auch nicht darauf festlegen, bestimmte Schritte zu gehen, nur um in das gesellschaftlich verbreitete Bild von einem Mann zu passen, weil die Vorstellung davon, dass es so etwas wie ein männliches Spektrum gibt, für viele Menschen nicht direkt verständlich ist.

Hier lässt sich aber immerhin noch sagen, dass sich vielleicht nicht wirklich etwas stark verändert hat, sondern ich mich jetzt endlich getraut habe, Schritte zu gehen, vor denen ich vorher zu viel Angst hatte und grundsätzlich nicht auf bestimmte (mitunter problematische) Männlichkeitsbilder festgelegt werden möchte. Immerhin hat das sichere Umfeld, das ich in den letzten Jahren rund um mich aufgebaut habe, schon einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich Dinge ausprobieren konnte, das Coming Out und die ersten Transitionsschritte gewagt habe. Was aber ist mit Personen, die genderfluid sind und bei denen sich die Geschlechtsidentität über die Zeit mehrfach ändert? Oder mit einer Person, die sich wie ich nicht immer gleichermaßen auf dem asexuellen Spektrum befindet und dann doch manchmal starke sexuelle Anziehung erlebt? Während mein aromantisches Erleben über die dreißig Jahre meines Lebens hinweg sehr konstant war, sieht das bei meiner sexuellen Orientierung anders aus. Immer wieder erlebe ich sexuelle Anziehung teilweise auch sehr stark und darüber hinaus hat sich noch verändert, auf welche Menschen sie sich richtet. Während ich mich bis vor eineinhalb Jahren sexuell wenn überhaupt ausschließlich zu Frauen sowie Personen auf dem nicht-binären oder agender Spektrum hingezogen gefühlt habe, kann ich inzwischen ziemlich sicher sagen, dass ich auch sexuelle Anziehung gegenüber Männern empfinden kann. Selbst wenn ich aus verschiedenen Gründen (z. B. Geschlechterdysphorie) noch keine Erfahrungen in diese Richtung gesammelt habe, macht mich das zumindest in der Theorie bisexuell. Und während ich kein Problem habe, das hier auf dem Blog zu schreiben oder im Podcast zu sagen, finde ich es doch schwierig, das im Alltag zu teilen. Zum einen habe ich sicher nach wie vor problematische Männlichkeitsbilder verinnerlicht, auf die ich jetzt in meiner Transition immer wieder stoße und die ich abbauen möchte. In diesem Zusammenhang stellt der Datenpunkt, dass ich starke sexuelle Gefühle für einen Mann empfunden habe, vielleicht meine eigene Männlichkeit in Frage, obwohl ich eigentlich weiß, dass das homofeindlich und ein für mich selbst schädlicher Gedanke ist. Einmal abgesehen davon, dass ich in meiner sozialen Transition immer mehr merke, dass es in unserer cis-heteronormativen Gesellschaft scheinbar kaum etwas gibt, das homoerotischer ist, als die (platonischen) Beziehungen zwischen Männern.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist aber auch, das unangenehme Gefühl, dass ich mit einem neuen Coming Out in der Sache die Vergangenheit oder mein jetziges Erleben entwerten könnte. Vielleicht ist es Zufall, dass ich vorher keine sexuelle Anziehung gegenüber Männern empfunden habe, weil ich Grayace bin. Gleichzeitig halte ich es aber für möglich, der Prozess, mich selbst mehr in meiner Geschlechtsidentität zu akzeptieren, mit dazu geführt hat, dass ich unbewusst besser in der Lage bin, sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen auf einem männlichen Spektrum zuzulassen. Aber egal was der Grund für die Veränderung ist: Die ersten 28 Jahre meines Lebens habe ich keinerlei sexuelle Anziehung gegenüber Männern empfunden und während ich selbst nach einer Erklärung und einem kohärenten Narrativ für mein Leben suche, wird mir gleichzeitig bewusst, dass es das eigentlich nicht brauchen sollte, um meiner aktuellen Erfahrung einen Wert zu geben.
Weder die ersten 28 Jahre noch der Smush (starke sexuelle Anziehung gegenüber einer Person; sexueller „Crush“) auf einen Mann vor jetzt gut eineinhalb Jahren waren weniger „echt“. Beide Erfahrungen sind gültig und wertvoll. Der Wechsel dazwischen sollte keine Erklärung brauchen, um „echt“ und damit „schützenswert“ zu sein. Menschliche Erfahrungen müssen nicht immer geradlinig  sein. Für viele Menschen ist es das. Meine Aromantik ist es zumindest bislang immer gewesen. Aber das muss es nicht sein. Sexuelle und romantische Orientierung und Geschlechtsidentität können und dürfen sich verändern – wie natürlich jede andere Orientierung und Identität auch. Wir müssen die unzähligen Erfahrungs-Datenpunkte, die wir auf unserem Lebensweg sammeln, nicht in eine klare Form pressen, um sie für andere verständlich zu machen. Das Veränderliche oder die „Phase“ sind nicht weniger wert als das Gleichbleibende und Unveränderliche. Nicht jede Erfahrung, die wir machen, während wir im Leben unterwegs sind, muss sich direkt einordnen lassen und zum bisher Erlebten passen.
Das alles darf auch mal durcheinander, wild, fluide, flimmernd und veränderlich sein.
So wie meine sexuelle Orientierung.

~ Finn (er/ihm)