Polyaffectionate Teilzeit-Alloaro in Transition oder einfach Finn-Aro-Update

Content Notes: Exklusionismus, Alloaro-Feindlichkeit, Coming Out (Erwähnung)

Alte Texte zu lesen, hat verschiedene Aspekte. Einerseits freue ich mich sehr, wenn ich sehe, was ich im Laufe der Zeit in Worte gefasst habe und was mein jüngeres Ich alles schon verstanden hat, aber ich merke auch, wo sich Dinge verändert haben und dass ich doch anders empfinde als noch vor einigen Jahren. Und dann verbringe ich etwas Zeit damit, meine Vorstellung im FAQ hier auf der Website zu überarbeiten (weil die auch längst outdated ist) und stelle fest, dass es wohl Zeit ist, hier einmal ein Update zu verfassen:
Ein Finn-Aro-Update.

Ich habe lange gezögert, den Begriff Alloaro für mich zu verwenden. Auf eine Art und Weise zögere ich immer noch, auch wenn ich weiß, dass ich die Erfahrungen von Alloaros in vielen Punkten teile. Das liegt unter anderem daran, dass ich mich nach wie vor irgendwo auf dem asexuellen Spektrum verorte und auch wenn meine Aro-Identität im Zentrum meines Erlebens steht, zumindest in a*spec Communitys nach wie vor die Begriffe Gray-Ace, Acespike und Aceflux zum näheren Beschreiben meiner sexuellen Orientierung verwende. Ich weiß, dass sich einige Alloaros unwohl damit fühlen, wenn Gray-Aces diesen Begriff für sich verwenden. Das mag mit schlechten Erfahrungen und Verletzungen zu tun haben, die sie unter Ace*specs erlebt haben, Erfahrungen die ich in vielen Punkten nachvollziehen kann und mitunter auch selbst teile.
Mein Zögern hat aber auch damit zu tun, dass ich mich zwar phasenweise als alles andere als asexuell wahrnehme, dann aber den Rest der Zeit wieder irgendwo im Graubereich auf dem asexuellen Spektrum verbringe und mir wieder sehr deutlich wird, dass mein Erleben sexueller Anziehung fluide und unklar ist. Wenn ich in meinem kleinen nebeligen Tal sitze und mich mal sehr Gray-Ace fühle, kann ich mich wohl kaum als Alloaro beschreiben, oder? Aroace bin ich dann allerdings auch nicht wirklich und wenn Leute mir nahelegen, dass ich mich so beschreiben kann, weil ich ja neben meiner stabilen Aromantik noch irgendwo auf dem asexuellen Spektrum bin, dann löst das in mir direkt ein Unwohlsein aus. Meist ist so etwas gut gemeint, aber ich habe nicht das Gefühl sonderlich viele Erfahrungen mit Aroaces zu teilen und selbst wenn ich mich auf dem Ace-Spektrum gerade ganz wohl fühle, verwende ich dann doch lieber Gray-Ace (oder für die Community eben genauer Acespike bzw. Aceflux), um mich zu beschreiben. Zumal die Aussage, ich wäre Aroace wohl bei vielen Leuten nicht zutreffende Vorstellungen oder Narrative hervorrufen würden.
Ich bin also nicht Aroace.
Nicht einmal näherungsweise.
Alloaros fühle ich mich hier näher. Zumindest phasenweise habe ich das Gefühl, dass der Begriff mich ganz gut beschreibt. Ich erlebe immer wieder mal stärker mal schwächer sexuelle Anziehung gegenüber anderen Personen. Sexualität spielt in meinem Leben mal auf die eine mal auf die andere Art eine Rolle. Dementsprechend mache ich im Positiven und im Negativen Erfahrungen, die ich von anderen Alloaros kenne. Wenn ich Allaro sage, hat mein Gegenüber ein zutreffenderes Bild im Kopf, als wenn ich sagen würde, ich wäre Aroace. Es braucht weniger zusätzliche Erklärungen, von denen ich ohnehin schon eine Menge brauche, weil ich mich nicht als non-partnering beschreibe und über den Umweg über ambiamor inzwischen bei polyaffectionate gelandet bin. Weniger ausführende Erklärungen sind also ein großer Pluspunkt, zumal das Label für mich die Kommunikation zumindest in manchen Kontexten ja auch vereinfachen sollte.

Während ich auch in Zeiten, wo ich mich mehr Gray-Ace als allosexuell wahrnehme, weiterhin die Erfahrungen von Alloaros kenne, fühlt es sich dann aber doch nicht immer gleichermaßen treffend an. Auch wenn ich es oft eher halbernst sage, trifft Teilzeit-Alloaro es also eigentlich ganz gut. Ich bin aromantisch und zeitweise ist mein Erleben irgendwo im Graubereich des asexuellen Spektrums angesiedelt (ich wollte „[…] klar irgendwo im […]“ schreiben, aber dann kam mir die Frage, was in dem Punkt jemals irgendwo „klar“ ist …) und dann gibt es wieder Phasen, wo mir alles andere einfacher scheint, als mich in diesem Moment auf dem asexuellen Spektrum zu verorten.

Darüber hinaus verstehe ich mich jetzt als polyaffectionate. Über die letzten Jahre habe ich nicht nur immer klarer verstanden, an welchen Stellen und in welchen Punkten ich romance-averse bin (mich von Romantik, romantisch-konnotierten Gesten, etc. abgestoßen fühle), sondern auch dass monogame Partner*innenschaften nicht unbedingt meine bevorzugte Beziehungsform darstellen. Neben meiner Romance-Aversion erklärt sich damit auch einiges von meinem Unwohlsein in früheren Versuchen mit monosexuell-monoromantischen Paarbeziehungen.
Dass ich mein Leben, auch wenn ich gerade eine oder mehrere Partner*innenschaften führe, gerne freund*innenschaftszentriert gestalten möchte, ist wohl etwas, das ich unbewusst schon früher auf irgendwie da war. Oder jedenfalls passt diese Erkenntnis sehr gut zu der Art, wie ich schon davor meine Beziehungsnetzwerke beschrieben und zu gestalten versucht habe. Vielleicht hätte ich dazu nicht unbedingt ein Wort gebraucht, um es zu leben, aber es ist irgendwie spannend, eines zu haben, das ich nutzen kann, um mich mit anderen Menschen über unsere Erfahrungen dabei auszutauschen.

Neben dem selbstkreierten halbernsten Label Teilzeit-Alloaro hat sich bei meiner sexuellen Orientierung noch ein bisschen mehr getan. Ich tue mir immer noch ein wenig schwer damit, aber im Grunde kann ich mich jetzt als bi+ / m*spec beschreiben. Ich fühle mich mit dem breiteren M*spec-Label (Multiple Gender Attraction Spectrum) ein wenig wohler, aber insgesamt war es ein weiter Weg bis hierhin. Zu, ich empfinde sexuelle Anziehung gegenüber weiblichen Personen, kamen erst nicht-binäre Personen hinzu. Und dann hatte ich im Winter 2024/25 einen Smush (starke sexuelle Anziehung, sexuelles Äquivalent zu einem Crush / starker Verliebtheit) auf einen cis Mann. Ein Erlebnis bei dem ich mich erst einmal gefragt habe, was jetzt eigentlich los ist. Meine Theorie ist, dass es auch mit meinem Gender Journey zusammenhängt und meine Geschlechtsidentität mehr anzunehmen, mein Coming Out und Schritte in Richtung Transition dazu geführt haben, dass ich auch sexuelle Anziehung gegenüber Männern empfinden und unbewusst vielleicht auch zulassen kann. Auch wenn Dysphorie hier nach wie vor eine große Rolle spielt, sobald es um etwas anderes als meine Anziehung oder sexuellen Fantasien geht. Für geteilte Sexualität und (queerplatonische) Beziehungen ist es also dann trotz allem noch etwas komplizierter. Oder aber da spielt einfach der Fakt rein, dass ich Gray-Ace bin und es davor zufällig eben immer nur nicht-männliche Personen waren.

Wo wir schon über meinen Gender Journey sprechen, hat sich nicht nur in Sachen Pronomen ein bisschen etwas getan. Ich bin an vielen Orten geoutet und habe gelernt, dass ich Menschen mehr zumuten kann, damit umzugehen, als ich dachte und es viele sichere Personen für mich gibt. Ich habe Safe(r) Spaces gefunden und erste Schritte in Richtung Transition gesetzt. Anfang Mai habe ich endlich eine Hormonersatztherapie begonnen und bin gespannt darauf, wie die weitere Transitionsreise wird.
Was nach den letzten Absätzen und Jahren aber klar sein sollte ist, dass Dinge fluide sind. Das ich aromantisch bin, fühlt sich weiterhin sehr stabil an, zumal ich mich mein ganzes Leben nicht wirklich anders kenne, auch wenn ich mich in den letzten Jahren immer besser verstanden habe und sich die Details, wie ich mein Leben gestalte verändert haben. Die Chance, dass sich auch meine Aromantik verändert, ist wohl eher gering. Wenn ich aus den Erfahrungen der letzten Jahre eines mitgenommen habe dann aber wohl, dass ich mich auf Veränderungen bei mir selbst einlassen kann. Auch wenn es nicht immer leicht ist, das auch zu kommunizieren und es mich oft viel Überwindung und Mut gekostet hat und noch kostet, weiß ich, dass ich notwendige Schritte setzen kann.

Das nächste Update zu meiner Reise wird sicher irgendwann kommen. Ihr findet es dann vermutlich hier auf dem Blog oder im InSpektren-Podcast.

Aber bis dahin wünsche ich euch viele schöne Momente auf eurem eigenen Weg!
Euer polyaffactionate Teilzeit-Alloaro in Transition

~ Finn (er/ihm)