Inhaltshinweise: (Internalisierte) Queerfeindlichkeit, Trans*-Feindlichkeit, Amatonormativität
Ich könnte wieder einen Text über Stolz schreiben. Darüber was dieses Wort mir bedeutet, was er mit Scham zu tun hat und warum Pride mir wichtig ist. Und diese Texte haben sicher ihre Berechtigung. Aber das Monatsthema für Juli war Queere Wut und als ich mich damit beschäftigt habe, ist mir schnell aufgefallen, wie viel schwerer es mir fällt über meine Wut zu schreiben als über meinen Stolz.
Stolz scheint mir einen Zweck zu haben. Und bei allem ist er harmloser und von anderen Menschen akzeptierter. Wenn ich stolz auf mich bin – auf das was ich bin und was ich tue – muss ich mich nicht mehr schämen. Vermutlich kennt jeder Mensch die Momente der Unzulänglichkeit und der Scham und kann mitfühlen, wenn ich darüber schreibe. Und die meisten Menschen wünschen mir, dass ich dieses Gefühl nicht länger fühlen muss. Vor allem nicht für etwas, das ich nicht verändern kann, weil ich eben bin wer ich bin, fühle wie ich fühle, oder eben in manchen Fällen nicht fühle, was viele andere fühlen. Dementsprechend kann ich meinen Kampf gegen die Scham und die im Stolz enthaltene Kraft erklären. Es geht dabei um mich und vielleicht noch um andere Leute, die ähnlich empfinden und dagegen ankämpfen. Aber mein Stolz stellt keinen Anspruch an andere. Sie können an der Seitenlinie stehen, zuschauen, sich für mich freuen und wenn sie wollen applaudieren.
Wut ist anders.
Der Definition nach handelt es sich bei ihr um ein starkes Gefühl, das häufig mit aggressivem und impulsivem Verhalten einhergeht. Sie holt einen aus der Schockstarre und bringt in Bewegung. Sie richtet sich nach außen und lässt einen nicht nur aufstehen, sondern auch etwas sagen oder tun. Wut verlangt nach Veränderung. Den gängigen Gesellschaftsnormen zufolge ist sie je nach zugeschriebenem Geschlecht entweder gefährlich oder unerwünscht. Mädchen oder Frauen haben nicht wütend zu sein. Männliche Wut ist gefährlich. Und die Wut benachteiligter Gruppen wie beispielsweise meine queere Wut ist unerwünscht.
Wieso?
Wut fordert.
Wut verlangt Veränderung. Menschen können nicht länger einfach an der Seitenlinie stehen und sich für mich freuen, wenn ich wütend darüber bin, dass es für meine bevorzugten Beziehungsformen keine hinreichende rechtliche Absicherungen gibt. Oder darüber dass ihre Aussage eben wieder Menschen wie mich abgewertet hat. Sie können auch nicht einfach applaudieren, wenn ich wütend bin, dass eine Person eine trans*feindliche (und außerdem nicht sonderlich faktenbasierte) Petition in eine WhatsApp-Gruppe schickt und niemand etwas dazu sagt, oder wenn die Familienministerin sagt, dass sie ein Transitionsverbot für erwachsene(!) Menschen unter 25 Jahren als sinnvoll ansieht und das viele gar nicht problematisch fanden. Oder auch wenn ich frage, wieso ich mich überhaupt jemals für diese Teile von mir schämen musste und zugeben muss, dass die erste Abwertung, die ich aufgrund meiner Queerness erfahren habe, viel weiter zurückliegt, als das ich zu dem Zeitpunkt überhaupt die Worte hatte, um zu begreifen, was da gerade passierte. Und dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, die bestimmte Geschlechterzuschreibungen, Sexualitäten und Arten Beziehungen bzw. zwischenmenschliche Verbindungen oder Familie zu leben als wertvoller ansieht als andere.
Das alles macht mich unglaublich wütend.
Aber Wut kann Dinge nicht einfach so hinnehmen.
Wut fordert Veränderung.
Wut muss nach draußen.
Und das fällt an manchen Orten leichter als an anderen. Wut wird nicht so gern gesehen wie Stolz, entweder ist sie unerwünscht oder gefährlich. Menschen hören nicht gerne, dass sie Teil einer Gruppe oder gar einer gesamten Gesellschaft sind, die Veränderung braucht. Das betrifft natürlich auch mich. Wir alle tragen die ordnenden Prinzipien und Normen unserer Gesellschaft in uns, auch dann wenn wir uns selbst und andere damit verletzen. Das weiß ich spätestens seit mich vor einigen Monaten ein Arbeitskollege, von dem ich das eigentlich auch gar nicht erwartet hätte, bei einer sehr normativen Aussage zum Ausdruck von Sexualität innerhalb partner*innenschaftlicher Beziehungen korrigiert hat. Oh, da war ich wütend auf mich selbst, aber auch auf die Gesellschaft und die Menschen, die mir das beigebracht haben, wahrscheinlich ohne sich der Problematik bewusst zu sein. Und nicht nur weil meine Aussage zu Ende gedacht, auch mich selbst und Personen, die mir Nahe stehen, abgewertet hat.
Aber wenn ich daraus eines gelernt habe, ist es, dass Wut Veränderung einfordert. Und Veränderung ist anstrengend. Die eigenen Gedanken und das eigene Sprechen zu ändern, seine Vorstellungen zu hinterfragen, ist Arbeit.
Und das ist unbequem.
Wut ist unbequem.
Wenn ich wütend bin, können Menschen nicht mehr einfach, bleiben wo sie sind und mir für meinen Fortschritt gratulieren. Sie merken, dass es etwas mit unserer Gesellschaft und mit ihnen selbst zu tun hat. Oft heißt es dann, ducken und sich abwenden. Und das verstehe ich auch irgendwo. Das „Du hast Recht“ zu meinem Arbeitskollegen waren bestimmt nicht die einfachsten drei Worte, die ich in meinem Leben ausgesprochen habe.
Und oft genug gelingt es mir gar nicht.
Trotzdem macht es mich wütend, wenn mich eine Besucher*in auf der Arbeit anspricht, um mir in Reaktion auf die aktuelle recht queere Ausstellung hin, zu erklären, dass die Lage in den USA ja so schlimm wäre, sich dann aber selbst wieder damit beruhigt, dass wir mit queeren und Frauen-Rechten in Österreich ja zum Glück keine Probleme hätten. Ich denke dann wieder an die Aussage der Familienministerin, die trans*feindliche Petition in der WhatsApp-Gruppe und die fehlende rechtliche Absicherung für verschiedene Beziehungsformen. Und ich spüre meine Angst und die Wut, die in mir hochkommt. Wut über die Unwissenheit oder den Unwillen, sich zu informieren. Vielleicht auch Wut über das Privileg, das die Person hat, wenn sie die Probleme nicht mitbekommen und sich nicht damit beschäftigen muss. Und irgendwo auch die Wut darüber, dass sie das einem Menschen ins Gesicht sagen muss, der eine Regenbogenflagge als Anstecker am Kragen der Dienstbluse trägt. Wut darüber, dass Personen, die nicht betroffen sind, oft nicht bereit sind, zuzuhören, aber auch, dass ich in der Arbeit jetzt echt nicht damit anfangen kann, das alles einem fremden Menschen zu erklären und deswegen dann höflich nickend den Mund halte.
Aber ich denke, ich habe ein Recht wütend über die rechtliche und gesellschaftliche Situation zu sein, die mir geschadet hat und immer noch schadet. Und auch auf Aussagen, die mich oder andere queere Personen, wenn auch unbeabsichtigt, abwerten.
Menschen sagen mir und deuten mir, ich soll meine Wut verbergen. Das ist die nächste Norm an der ich mich abarbeiten muss. Im besten Fall ducken sie sich und schauen weg, wenn ich über diese Dinge rede. Im schlechteren werten sie mich dafür ab, wenn ich zu wütend klinge.
Sie fragen mich: „Was willst du denn noch?“
Dabei ist es eigentlich leicht. Ich möchte eine Welt, in der auch alternative Beziehungsmodelle rechtlich abgesichert werden können und in der klar ist, dass Menschen auch außerhalb von monoromantisch-monosexuellen Partner*innenschaften Verantwortung füreinander übernehmen können. Eine Welt, in der Freund*innenschaft nicht bloß ein „nur“ ist. Ich möchte, dass ich nicht mehr in Gefahr laufe, auf der Straße beschimpft zu werden, weil ich als queer eingelesen werde und dass queerfeindliche Aussagen nicht mehr einfach zu stehen gelassen werden. Ich möchte, dass die Entscheidung, eine Hormonersatztherapie anzufangen, etwas ist, das ich einfach erzählen kann, ohne Angst haben zu müssen, potenziell abgelehnt zu werden. Und noch mehr als das alles wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der Kinder nicht aufwachsen, um sich Jahre später weit nach ihrem Coming Out von einem Arbeitskollegen über eine Aussage verbessern lassen müssen, die eine der Weisen abwertet, auf die sie selbst queer sind. Einfach weil sie diese Aussage und das wofür sie steht, nicht seit sie sich erinnern können, gehört und internalisiert haben.
Das wäre zumindest die Welt, die ich mir wünsche.
Und wenn es Wut braucht, damit Menschen der Realität ins Auge sehen und vielleicht ein kleiner Funke überspringt, sodass wir gemeinsam wütend sind und ein Teil von uns Verantwortung übernimmt, werde ich wütend sein.
Meine Wut ist unerwünscht.
Meine Wut ist gefährlich.
Aber meine Wut ist auch stark.
Und sie schafft Veränderung.
~ Finn